Manchester – ein Stadtspaziergang

Nach 18 Jahren in Englands Nordwesten, 16 davon in Manchester, hat man die Stadt eigentlich genug gesehen, sollte man meinen.

Foto von Manchester Town Hall

Manchester Town Hall – Stammtisch in Manchester

Und doch fühle ich mich immer wieder beschwingt durch einen nicht zu langen, schön entspannten Spaziergang durch Manchesters Innenstadt.
Shopping ist dabei nicht auszuschlieβen, im Gegenteil:
Eine Kleinigkeit oder auch zwei zu benötigen gibt der Sache Zweck und Ziel. Über das Shopping in Stress zu geraten sollte man allerdings vermeiden.

Früher bevorzugte ich meine freien Tage, welche nicht auf einen Samstag fielen, doch seit neuem finde ich, dass gerade der Samstag, z.B. auf der Market Street, viel Unterhaltung bietet.

Nicht jedermanns Sache, aber vom anthropologischen Standpunkt aus ist das kosmopolitische Wirrwarr der kaufsüchtigen (Wahl)Nordengländer ein wahres Fest für Augen und Ohren.

Heerscharen tätowierter Liebespaerchen, Schwärme von Familien mit Buggies und hübschen Kleinkindern, Businessmen und -women im Laufschritt und die sonstige Entourage von inner- und auβerhalb der Region mischen sich hier zu einem lustig-lauten Tutti-Frutti auf der Suche nach dem ultimativen Besitzerglueck.

Mein Spaziergang beginnt in Spinningfields.
Vormittags, wenn ich losmarschiere, fahren oft Ruderboote und Vergnügungsschiffe auf dem Irwell auf und ab. Verschiedenerlei Wasservögel mischen sich darunter, auch ein vornehmes Schwanenpaar, welches offenbar das Leben in der Stadt dem auf dem Land vorzieht (mehr Chips?), und die Sonne spiegelt sich besonders schön auf den Wellen, wenn es tags zuvor geregnet hat. Möwen und Enten, denen es auf dem Wasser zu eng wird, flattern und ziehen in Schwärmen laut schnatternd über den Fluss.

Ich halte mich Richtung Deansgate und wandere als erstes vorbei an Spinningfield’s schicken Cafes, Delikatessenläden und coolen  Bekleidungsgeschäften. Zu meiner Rechten, also am südlichen Rand der City, liegt das sehenswerte, informative Museum of Science and Industry, mit Hilfe dessen man tief, interaktiv und ganz umsonst in die Geschichte der Stadt eintauchen kann.

Auch das People’s History Museum an der Leftbank/Ecke Bridge Street ist diesbezüglich eine Fundgrube.

John Rylands Library am Deansgate mit ihrer gelungenen Restaurierung und ihren wunderschönen Lesesälen ist ein besonderes Juwel und sollte nicht übersehen werden.

Ebenfalls südwestlich vom Deansgate liegt ein kleiner, aber feiner Park, St John’s Gardens, welcher bei gutem Wetter zum Lesen und Sonnenbaden einlädt.

Etwas südlich davon und wiederum am Deansgate, gegenüber dem gigantischen Beetham Tower, steht ein fantastisches altes Gebäude welches komplett innen-restauriert ist und das Instituto Cervantes (Spanisches Kulturinstitut) beherbergt. Dort kann man nicht nur qualitativ hochwertig Spanisch lernen, sondern alle möglichen kulturellen Events besuchen.

Den Beetham Tower sollte sich ein jeder mal aus der Distanz anschauen, am besten von Westen her und kurz vor Sonnenuntergang. Seine Glassfassade spiegelt dann den oft dramatischen Abendhimmel in glühenden Gold-Rot-Rosa-Tönen wieder und lässt seine klaren Linien und gelassene Gröβe besonders vorteilhaft zur Geltung kommen.

Weiter geht es nun aber Richtung Nordosten am Deansgate entlang:
Linker Hand findet man einige Outdoorläden, die alles haben, was man für die Besteigung von Peak District, Yorkshire Dales und Kilimanjaro braucht.
Wanderfreunde finden hier alles notwendige und jede Menge nicht so notwendiges, werden fachlich gut beraten und machen während der vielen “Sales” gute Schnäppchen.

Ein bisschen weiter, noch auf der linken Seite, gibt es ein reichhaltiges Musikgeschäft für die Liebhaber klassischer Musik. Auβer CDs findet man hier seinen Instrumentenbedarf und kann stundenlang in Noten zum Spielen oder Singen stöbern. Forsyth ist ein traditionelles Familienunternehmen und der riesige zweite Stock voller neuer und restaurierter Tasteninstrumente nicht nur für Pianisten sehenswert. Wer ein Instrument lernen möchte, der schaue auf die monumentale Pinwand am Ausgang.

Gegenüber Forsyth liegt Waterstones – mein persoenlicher All-time Favourite. Auf drei gut sortierten Stockwerken gibt es Bücher, Bücher und Bücher, und natürlich einiges mehr, und keiner sagt was, wenn man es sich zu einem Lesestündchen auf den weichen Sofas und Sesseln bequem macht. Das Café im dritten Stock wurde vor zwei(drei?) Jahren frisch renoviert und ist eines der hübschesten und gemütlichsten in Manchester.

Wollen wir nur hoffen, dass dieser Brunnen der Freude und des Wissens trotz online Buchhandel überleben wird.

Wendet man sich nun wiederum der anderen Strassenseite zu, sieht man vor sich das elegante House of Fraser. Gleich im Erdgeschoss kann mann/frau sich, von Düften und anderen schönen Dingen umgeben, auf gehobene Art verschönern lassen. Schnäppchenjäger und Freunde guter Qualität können auch hier auf 6 Stockwerken einige Zeit verbringen.

St Ann’s Square
Gegenüber beginnt zwischen Sandsteinfassaden die Fussgägerzone. Hier sollte man die Barton Arcade nicht auslassen, eine galerienartig gebaute, zierlich-filigrane Einkaufspassage aus Viktorias Zeiten.

Foto von Manchesters St Ann's Square und Royal Exchange Theatre

St Ann’s Square und Royal Exchange Theatre

Die Arcade öffnet sich auf den St Ann Square mit seiner 300 Jahre alte Kirche. Hier kann man ein bisschen sitzen und Leute gucken, und es finden auch immer wieder Märkte statt. Im späten November und Dezember wird der Square zur romantischen Kulisse für den deutschen Weihnachtsmarkt und bietet deftige Küche, Glühwein, und Erzgebirgsengel feil.

Bevor man den Platz in nördlicher Richtung verlässt, sollte man einen Blick ins Innere des Royal Exchange Theaters werfen. Korinthische Säulen und einzigartige, moderne Buntglasfenster und –kuppel und die schiere Höhe und Weite des Gebäudes, clever ausgeleuchtet, lassen mich immer wieder bis zur Nackensteife staunen. Theateraufführungen hier sind ganz fantastisch, ein wirkliches kulturelles Highlight. Der Craft Shop gut sortiert mit modernem Kunsthandwerk und zu empfehlen, wenn man anderen, oder auch sich selbst eine Freude bereiten will.

Kaum zu glauben, dass der Royal Exchange einmal noch grösser und prunkvoller war, bevor leider 1940 im Manchester “Blitz” die Deutschen eine Bombe direkt darauf warfen. Damit nicht genug – 1996 musste der Bau noch einmal leiden, als eine IRA Bombe vor Marks und Spencer explodierte und Teile der Innenstadt zerstörte. Liebhaber von stilvoller Modernisierung klassischer Bauwerke werden damit jedoch heute ihren Frieden geschlossen haben.

So allmählich nähern wir uns dem nördlichen Teil der Innenstadt.
Boots sollte Erwähnung finden für alle, die wie ich eine gute Drogerie schätzen. Stundenlang kann man hier Düfte, Lotionen und Make-up ausprobieren und sich dabei schön und jung fühlen.

Mittlerweile werden die Füβe etwas schwer, man ist ja doch in den einen oder anderen Laden noch schnell hineingegangen, und da ist es praktisch, dass die Printworks gewissermassen auf der Strecke liegen.
Das Artcinema Cornerhouse ist von hier aus gesehen ein bisschen abseits, aber das Odeon in den Printworks läuft mit seinem Angebot an unanstrengenden Blockbustern praktisch rund um die Uhr.

Die übliche Kinokost ist teuer und Bier gibt’s keins wie bei uns, aber kontrollieren tut man hier auch nicht allzu streng.

Wer jetzt noch fit ist, kann sich das Northern Quarter ansehen. Mittunter als “bohemian” und nördliches Soho bezeichnet strengt es sich ordentlich an, dieser Idealvorstellung zu entsprechen, hat aber eigentlich einen ganz anderen, eher rauhen Reiz.

Besuchen sollte man hier auβer den kleinen aber guten Cafes und Restaurants das Manchester Craft and Design Centre, den neu umgebauten Künstlerbedarfsladen Fred Aldous, das Chinese Arts Centre und das hervorragende, vegetarische Earth Café im Buddhist Centre.

Mittlerweile ist es ein ganz hübscher Gang geworden, und so schlendere ich  gemächlich nach Hause – mal mehr, mal weniger schwer bepackt. Es sollte ja eigentlich keine Shoppingtour werden, aber bei so vielen schönen Sachen – was soll frau/mann da nur tun…?

Zuhause angekommen schaue ich mir noch kurz und zufrieden meine klugen Einkäufe an bevor ich mir es mit einer schönen Tasse Tee auf dem Sofa gemütlich mache und den prächtigen Manchester Sonnenuntergang geniesse.

Nachtrag:
Diese kleine Innenstadttour ist nur eine von vielen möglichen und beinhaltet bewusst nur einige Konsumtempel und Favoriten der Authorin.

 

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